Naturverpackungen werden europaweit „neu“ entdeckt

Im letzten Jahr kann man von einem Umbruch im Bereich Verpackungen von Lebensmitteln sprechen. Wer hätte zuvor gedacht, dass Handelsketten und ihre Zulieferer nach Einführung der Verpackungsverordnung und des Grünen Punktes in die Kritik kommen könnten, falsch zu verpacken? Die Entsorgung galt organisatorisch, technisch und finanziell als weitgehend gelöst. In dieser vermeintlichen Sicherheit hat Deutschland nicht weniger, sondern ein Vielfaches von dem an Verpackungsabfall erzeugt, als zu Beginn der Verpackungsverordnung. Kaum wurde gefragt, ob unser Verpackungsabfall in Deutschland oder gar im fernen Osten recycelt wird, allenfalls unsichere Finanzierungsfragen des Grünen Punktes.

Auch das neue Verpackungsgesetz zielt insbesondere auch die Vermeidung von Trittbrettfahrertum, setzt aber kaum Impulse hinsichtlich mehr echter Nachhaltigkeit. Die weltweite Abhängigkeit von China und anderen Ländern wurde dann schlagartig klar, als massive Einfuhrrestriktionen für diese Abfälle eingeführt wurden. Entsorgungsprobleme und Kostensteigerungen folgten. Schlimme Nachrichten und drastische Bilder der Vermüllung unsere Meere sorgten parallel dazu, dass auch ein öffentliches Interesse an der Reduzierung von Plastikmüll entsteht. Kaum jemand hätte dabei jedoch daran gedacht, dass es nun um die generelle Reduzierung von Plastik geht, also unabhängig davon, ob dies ein langlebiges Produkt oder eine Plastiktüte ist. Die Kritik an Plastik ist inzwischen deutlich umfangreicher und stellt auch die Frage, ob Plastik nicht generell ein Material ist, welches man möglichst vermeiden sollte. Fast schon komisch wirken da Kunststoffverpackungen in Holzoptik. Was hat dies unter den geänderten Bedingungen mit Glaubwürdigkeit zu tun?

Deutlich im Trend liegen nun Verpackungen aus echten nachwachsenden Rohstoffen, die z.B. durch Kompostierung im eigenen Land im Naturkreislauf gehalten werden können. Dabei sind jedoch noch viele Fragen offen und auch Missverständnisse zu klären. Nicht jeder versteht beispielsweise den Unterschied zwischen Plastik das „kompostierbar“ ist und einem Kunststoff der aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen wurde. Beide Stoffe sind völlig unterschiedlich und es bedarf noch viel Aufklärung und Kennzeichnung, dass die gewünschten Stoffkreisläufe dann auch tatsächlich funktionieren.

Deutlich einfacher sieht es da mit dem Rohstoff Holz aus, der über ein voll funktionsfähiges Kreislaufwirtschaftssystem in Deutschland verfügt. Während der Altpapierhandel hierbei auch international ausgerichtet ist, wird Altholz nahezu vollständig in Deutschland und den angrenzenden Nachbarländern verwertet. Dies sind heute Faktoren, die einen zunehmenden Einfluss auf die Bewertung einer Verpackung haben, auch bei den Kunden. Ebenso spielt es bei Holz eine Rolle, welche Holzsorte und aus welchen Ländern das Holz stammt. Hier gibt es durchaus Holzarten, die noch nachhaltiger gewonnen werden, als andere. Für Holzsteigen wird nahezu ausschließlich Pappelholz verwendet, das schon ab 20 Jahren industriell genutzt werden kann. Dieses strammt fast ausschließlich aus zertifizierter nationaler oder privater Forstwirtschaft aus Deutschland und Europa.

In Deutschland herrscht im Bereich Leichtpackmittel aus Holz immer noch eine Zurückhaltung. Der Fokus auf notwendige Veränderungen liegt zunächst vor allem im Bereich der Konsumentenverpackungen. Veränderungen in Richtung von Alternativen aus Papier, Gras und Blättern finden dort erkennbar statt (zunächst häufig emotional geprägt und ohne alle Fragen der Migration und anderen lebensmittelrelevanten Fragen endgültig geklärt zu haben). Unsere Nachbarländer begreifen das Thema deutlich umfassender und schließen auch die Transportverpackungen ein.

Von einer wahren Renaissance der Holzsteige kann man in Frankreich, Spanien und Italien sprechen. Dort wird insbesondere auch der Effekt gesehen, dass Naturprodukte sich in Naturverpackungen tatsächlich glaubwürdiger und besser vermarkten lassen. Nicht nur im Biosegment erfahren Holzverpackungen eine höhere Beachtung, sondern auch im klassischen Sortiment.

Glücklicherweise ist die Branche darauf gut vorbereitet und hat die vergangenen Jahre stets auch dafür genutzt, um wissenschaftliche Erkenntnisse hinsichtlich der Nachhaltigkeit des Produkts sowie der Lebensmitteleignung und Hygiene ständig zu erweitern und auch den technischen Entwicklungen rund um die eigesetzten Hölzer und Verarbeitungstechniken und gegebenenfalls eingesetzten Druckfarben anzupassen. Kaum ein anderes Material dürfte aktuell im Bereich Hygiene und Migration intensiver untersucht worden sein und hat dabei teilweise überraschend positive Ergebnisse geliefert. Zuletzt wurde sogar der Nachweis erbracht, dass Fischverpackungen aus Holz hygienisch unbedenklicher sind, als Boxen aus EPS („Styropor“). In anderen Bereichen, z.B. Austern, bestimmte Käsereifungen und -sorten geht es ohne Holz überhaupt nicht, da lebenswichtige Rahmenbedingungen oder für den Reifungsprozess notwendige Zusammenhänge nur mit Holz zu erreichen sind.

Das gilt aber auch für den Bereich von Obst und Gemüse. Würde die Verpackungsentscheidung weniger von logistischen Fragen geprägt sein und mehr aus der Sicht der produktverantwortlichen Erzeuger liegen, würde bei einigen Kulturen deutlich mehr Holzverpackungen eingesetzt werden, um Qualität, Reife und Erscheinungsbild der Produkte besser gewährleisten zu können. Aber auch hier gibt es Änderungen, die hier zunächst von anderen Ländern ausgehen. Inzwischen wird offen ausgesprochen, dass man sich als Erzeuger mehr Spielraum für eine eigene Verpackungswahl nach Gesichtspunkten der optimalen Schutz- und Transport- und Vermarktungsfunktion wünscht.
Wie hat ein Sprecher auf dem letzten European Packaging Forum sinngemäß in Düsseldorf gesagt: „Wir werden bald sehen, ob wir hier eine Scheindiskussion führen oder vor einer Verpackungsrevolution stehen“. Aus aktueller und internationaler Sicht wird die Richtung langsam klarer.